{"id":25,"date":"2016-10-22T15:33:38","date_gmt":"2016-10-22T13:33:38","guid":{"rendered":"http:\/\/epistemicviolence.aau.at\/?page_id=25"},"modified":"2020-01-26T22:17:38","modified_gmt":"2020-01-26T21:17:38","slug":"startseite","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/epistemicviolence.aau.at\/index.php\/de\/startseite\/","title":{"rendered":"Startseite"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Seit etwa drei\u00dfig Jahren ist der Begriff epistemic violence in der Welt, um den Stellenwert vor allem wissenschaftlichen Wissens im Kontext globaler asymmetrischer Ungleichheits-, Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu thematisieren. In post- und dekolonialen sowie feministischen Debatten unterschiedlichster thematischer Schwerpunkte wird er mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit verwendet, wurde aber bis heute nicht umfassend theoretisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jenen wissenschaftlichen Feldern hingegen, die sich mit den offensichtlich gewaltf\u00f6rmigen Aspekten gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse besch\u00e4ftigen, wie etwa in der Friedens- und Konfliktforschung, in der sozialwissenschaftlichen Gewaltforschung, in den Internationalen Beziehungen oder in der Politikwissenschaft, ist so gut wie nie von epistemischer Gewalt die Rede. Wo es ausdr\u00fccklich um Gewalt geht, r\u00fccken epistemologische Fragen oft in den Hintergrund. Komplement\u00e4r dazu wird in der Wissenschaftstheorie und Wissenssoziologie Gewalt nicht als ausreichend relevanter Gegenstand oder Begriff erachtet. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese wechselseitige Leerstelle sind vielf\u00e4ltig. Um ihnen nachzugehen und Argumente zu formulieren, die f\u00fcr ein Zusammendenken von Gewalt einerseits und Wissen andererseits sprechen, verorte ich meine Ausgangsfrage an dieser Schnittstelle nicht nur zwischen Wissen und Gewalt, sondern auch zwischen einem analytischen und einem politischen Erkenntnisinteresse. Die Frage lautet schlicht: <\/p>\n<p><strong>Was ist epistemische Gewalt und wie wirkt sie?<\/strong><\/p>\n<p>Diesem doppelten Erkenntnisinteresse liegen vier Annahmen zugrunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Das \u00fcberwiegend eurozentrische Repertoire an Gesellschaftstheorien, die Wissen(schaft) und Gewalt als zwei einander diametral entgegengesetzte Dom\u00e4nen des Sozialen verstehen, erlaubt nur eine unzureichende Erfassung m\u00f6glicher Zusammenh\u00e4nge zwischen diesen Dom\u00e4nen. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Sich\u201a einen Begriff zu machen\u2018 von diesem Zusammenhang ist die Voraussetzung daf\u00fcr, dieser wechselseitigen Leerstelle angemessen zu begegnen. Der Begriff epistemische Gewalt bietet sich als Ausgangspunkt f\u00fcr eine solche Begriffsarbeit und Theoretisierung an. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Antworten auf die Frage danach, wie epistemische Gewalt wirkt und worin sie sich manifestiert, k\u00f6nnen mit einem transdisziplin\u00e4ren Konzept epistemischer Gewalt auf eine Grundlage verweisen, die sich nicht in partikularen Erkl\u00e4rungen je unterschiedlicher Gewaltereignisse ersch\u00f6pft, sondern die Dimension des Wissens in die ganzheitliche Analyse und Kritik dieser Ereignisse integriert. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4. Die Arbeit an einer Theoretisierung epistemischer Gewalt stellt einen Beitrag zu einer Kritik der Herrschaft in der globalen Moderne dar \u2013 und zur Dekolonisierung dessen, was dekoloniale Autor_innen die Kolonialit\u00e4t von Macht, Wissen und Sein nennen.<\/p>\n<p><strong>Gewalt weiter denken<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist mein Ziel, dass wir uns mit existierenden Gewaltverh\u00e4ltnissen ebenso wenig zufriedengeben wie mit den Denkweisen \u00fcber diese. Wir m\u00fcssen immer wieder neue Wege der Analyse und Theoretisierung von Gewalt beschreiten, sie also weiterdenken. Das gilt gerade auch dort, wo wir bisweilen an Grenzen sto\u00dfen, weil ihre Ph\u00e4nomene uns politisch, kognitiv oder auch emotional \u00fcberfordern, oder weil wir an einem engen Verst\u00e4ndnis von Gewaltfreiheit festhalten, das dadurch ins Wanken zu geraten droht. Entgegen einem liberal-universalistischen Verst\u00e4ndnis dieses \u201aWir\u2018 ist mir wichtig zu betonen, dass unterschiedliche soziale Positionierungen mit sehr unterschiedlichen Formen und Graden der Verstrickung in Gewalt einhergehen. Dies muss auch bei der Teilung dieser Verantwortung in Rechnung gestellt werden. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewalt weiter denken ist dar\u00fcber hinaus ein Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, bei der Analyse und Kritik von Gewalt bewusst auf weite Konzeptionen zu setzen und diese in genau jene Debatten und Felder (zur\u00fcck) zu holen, die sich in einem allzu engen Verst\u00e4ndnis mit Gewalt im internationalen beziehungsweise globalen politischen Kontext besch\u00e4ftigen. Im Kontext dieser Arbeit sind dies insbesondere epistemische, strukturelle, kulturelle, symbolische und normative Gewalt.<\/p>\n<p><strong>Transdisziplin\u00e4re Theoretisierung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Konzept epistemischer Gewalt soll vor allem dort mehr Resonanz erlangen, wo Wissen(schaft) und Ge-walt weit auseinander zu liegen scheinen und doch untrennbar miteinander verbunden sind: in jenen sozialwissenschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen, die sich mit Fragen von Gewalt in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen, vor allem aber mit direkter physischer Gewalt im Kontext internationaler Politik besch\u00e4ftigen. Diese Gewalt wird selten in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang von Ungleichheits-, Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen verhandelt. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort wiederum, wo epistemische Gewalt zum nicht mehr erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftigen Basisvokabular z\u00e4hlt, in kulturwissenschaftlich gepr\u00e4gten Feldern der post- und dekolonialen Debatte oder auch indigener Wissenskritik, kann die auf einer Auseinandersetzung mit epistemischer Gewalt basierende Relekt\u00fcre von anderen weiten Gewaltbegriffen wie strukturelle und kulturelle, symbolische und normative Gewalt Anschlussstellen f\u00fcr eine trans-disziplin\u00e4re Gewaltkritik bereitstellen. Letztere ist mehr als nur Wissenskritik, und im besten Fall verliert sie auch die Verbindungen von epistemischer mit direkter physischer Gewalt nicht aus dem Auge. <\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um dieses Ziel zu verfolgen, nutze ich Elemente aus unterschiedlichen Wissenschaftstraditionen der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften, die einander erg\u00e4nzen und vertiefen. Schlie\u00dflich verstehe ich meine Auseinandersetzung mit epistemischer Gewalt als Mosaikstein eines facettenreichen und langen Prozesses der Dekolonisierung von Wissen(schaft), einem durchaus widerspr\u00fcchlichen Unterfangen, das ich aus epistemologischen, politischen und ethischen Gr\u00fcnden als richtig und wichtig erachte. Warum es dieser Dekolonisierung bedarf und was ein Konzept epistemischer Gewalt dazu beitragen kann, er\u00f6rtere ich in meinem Buch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auszug aus der Einleitung zu: <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-5131-7\/epistemische-gewalt\/\" target=\"_blank\">Epistemische Gewalt. Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit etwa drei\u00dfig Jahren ist der Begriff epistemic violence in der Welt, um den Stellenwert vor allem wissenschaftlichen Wissens im Kontext globaler asymmetrischer Ungleichheits-, Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu thematisieren. In post- und dekolonialen sowie feministischen Debatten unterschiedlichster thematischer Schwerpunkte wird er mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit verwendet, wurde aber bis heute nicht umfassend theoretisiert. 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